25 | 05 | 2020

Morgenimpuls nach den Weihnachtsferien – "Habe ich Angst? Ja, aber nicht um mich"

Beim Morgenimpuls, der am Dienstag, dem 07. Januar 2020 zur Begrüßung im neuen Jahr stattfand, standen die im November 2019 ausgestoßenen Morddrohungen gegen einen der bedeutendsten Pianisten der Gegenwart, Igor Levit, im Fokus.

Beim Morgenimpuls, der am Dienstag, dem 07. Januar 2020 zur Begrüßung im neuen Jahr stattfand, standen die im November 2019 ausgestoßenen Morddrohungen gegen einen der bedeutendsten Pianisten der Gegenwart, Igor Levit, im Fokus.

Im Alter von acht Jahren siedelte die Familie des in Russland geborenen Musikers nach Hannover über, wo Levit auch aktuell noch lebt und an der Hochschule für Musik, Theater und Medien lehrt. Neben dieser Tätigkeit setzt er sich aktiv gegen Fremdenfeindlichkeit ein. Im November des vergangenen Jahres erhielt er in einer Email vor einem seiner Konzerte in Süddeutschland eine Morddrohung. Das Konzert hielt er trotzdem.

Schulleiter Norbert Keßler zitiert in dem von ihm abgehaltenen Impuls aus einem von Levit verfassten Gastbeitrag, der nach den Drohungen in der Zeitung "Der Tagesspiegel" erschienen ist. 

Levit bezeichnet sich selbst als Bürger, Europäer, Pianist. Er möchte nicht auf eine Funktion, Kultur oder einen Beruf reduziert werden. Seit den Drohungen hat er seine Selbstbeschreibung noch um das Substantiv "Mensch" ergänzt. Als Mensch betrachtet zu werden, scheint bei aller Selbstverständlichkeit gar nicht mehr so selbstverständlich zu sein. Fremdenfeindlichkeit ist wieder oder vielleicht auch immer noch allgegenwärtig. In einem Interview ist Levit gefragt worden, ob er als Jude denn Israel als seine Heimat ansehe. Eine Aussage, die vielleicht einfach nur unbedacht oder oberflächlich war. Sicherlich viel weniger eindeutig als Beschimpfungen, wie "Judensau", denen Igor Levit schon mehrfach ausgesetzt war. Was bei ihm in beiden Fällen ankommt, ist aber dasselbe: "Du bist anders. Du bist nicht einer von uns. Du und wir – da ist etwas dazwischen. Irgendwie gehörst Du doch nicht richtig dazu."

Levit schreibt, dass ihm diese Aussagen Angst machen. Er hat Angst, aber nicht um sich. Immer wieder kommt es in Deutschland zu Gewaltverbrechen, die auf Hass zurückzuführen sind: Hass auf Geflüchtete, auf Ausländer, Muslime oder Juden, auf Homosexuelle, Umweltaktivisten, auf Frauen. Gewaltverbrechen sind aber nicht immer nur physischer Natur, wie Levit betont. Vor allem die Sprachgewalt hat in den letzten Jahren immer weiter zugenommen. Da gibt es zum Einen die, die sich hinter der Anonymität des Internets verstecken, um Hassparolen zu verbreiten, aber auch die, die im Deutschen Bundestag sitzen und durch verbale Entgleisungen auffallen.

Levit erinnert daran, dass Artikel 1 unseres Grundgesetzes besagt: "Die Würde des Menschen ist unantastbar". Die Realität in Deutschland zu Beginn der 2020er Jahre ist leider eine andere. Vor beinahe 100 Jahren schrieb der Sozialdemokrat Friedrich Kellner "Vernebelt, verdunkelt sind alle Hirne" in sein Tagebuch. Diese Aussage sollte uns mit Blick in die Vergangenheit und in die Zukunft eine Warnung sein. Von einer wehrhaften Demokratie zu reden ist nicht genug, wir – als Bürger müssen auch entsprechend handeln, so schließt Igor Levit seinen Beitrag.

Der vollständige Bericht ist unter: tagesspiegel.de/meinung/pianist-igor-levit-erhielt-morddrohungen-habe-ich-angst-ja-aber-nicht-um-mich/25372372.html zu finden.

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